3 kleine Mut-Geschichten: Wie ich lernte meinen Ängsten zu begegnen

Mut - drei kleine Mut-Geschichten

Das wird mich Mut kosten.

Sebastian holt eine schwarze Box aus seiner Tasche hervor.

“Und damit jetzt ein bisschen Praxis in unser Referat zu Phobien kommt, haben wir etwas besonderes für euch mitgebracht. Allerdings möchte ich euch warnen: Wer wirklich Angst vor Spinnen hat, der sollte jetzt vielleicht besser den Raum verlassen.” Seine Aufforderung klingt herzlich – und ehrlich.

“Ohoh”, denke ich. In dem Teil “Angst vor Spinnen haben” entdecke ich mich durchaus wieder. Ich weiß noch, wie ich zitternd und fluchend ein Bild in meinem Biobuch zuklebte, das eine rotäugige Spinne zeigte, die gerade eine arme Biene verspeiste. Ansonsten hätte ich diese Doppelseite nicht fürs Abitur lernen können.

Ich atme tief durch.

Die einzige wirkliche Freiheit

Das Thema Phobien war zu diesem Zeitpunkt, im Januar 2013, gerade ganz angesagt in meinem Psychologiestudium. Das Paradebeispiel von erfolgreich angewandter Verhaltenstherapie (wahrscheinlich weil sie bei anderen Erkrankungen nicht wirkungsvoller ist, als andere Therapieformen).

Auch wenn ich mir noch etliche Male einen weniger Macht- und mehr Erkenntnis-orientierten Professor wünschte, so werde ich diesem nicht näher bezeichneten Mann für die folgende kleine Geschichte den Rest meines Lebens dankbar sein.

“Dies ist Aung San Suu Kyi – eine Freiheitskämpferin des heutigen Myanmars (ehemals Burma). Sie stand über 20 Jahre lang unter Hausarrest, konnte also weder das Haus verlassen, noch persönlichen Kontakt zu ihrer Familie haben. In ihrer Rede, die sie hielt, als sie den Friedensnobelpreis entgegennehmen konnte, sagte sie Folgendes:

Das einzige wirkliche Gefängnis ist unsere Angst. Und die einzige wirkliche Freiheit, ist die Freiheit von Angst.”

Dieses Zitat, von einer Frau, die so lange in Unfreiheit verbracht hatte, elektrisierte mich zutiefst.

Die einzige wirkliche Freiheit… Ich sah es deutlich vor mir, wie stark Angst mich einschränkte. Dass eigentlich Angst allein mich einschränkte. Angst davor etwas Falsches oder Dummes zu sagen, Angst davor ausgegrenzt oder nicht gemocht zu werden, Angst davor, ich selbst zu sein, Angst vor Spinnen (einen Raum mit einer Spinne drin – wie sollte ich ihn noch betreten, geschweige denn darin nächtigen!?), Höhenangst, Angst davor, Sicherheit zu Gunsten meiner Träume aufzugeben…

Was würde ich alles tun, wie würde ich sein, ohne Angst?

Meine Begegnung mit der Spinne

“Ok. Die einzige wirkliche Freiheit… Ich habe dieses Studium angefangen, um etwas zu lernen. Jetzt ist es soweit.” denke ich – und bleibe trotz Sebastians Warnung sitzen.

Sebastian freut sich, dass alle dem Höhepunkt des Referates beiwohnen möchten. Er öffnet die Box.

In seinen Händen (es ist so groß, dass er es mit beiden Händen halten muss) krümmt sich ein widerliches schwarzes Etwas, die acht, mehr als fingerlangen Beine zum Körper hin angezogen, haarig auf dem Rücken liegend. Mir schaudert es.

“Dies ist die Spinnenhaut einer Tarantel. Wir hatten das Glück, dass eine Bekannte sie uns gerade rechtzeitig für dieses Referat zur Verfügung stellen konnte. Für viele von euch wird dies hier vielleicht einfach etwas Skurriles und Spannendes sein – für wirkliche Spinnenphobiker ist es aber bereits eine echte Herausforderung, mit dieser Haut im selben Raum zu sein.”

Recht hat er.

“Ich gebe sie mal rum.”

What!?

Das widerliche Dinge kommt langsam näher. Alle nehmen es in die Hand, viele schauen es sich sogar ganz genau an, eine Mischung aus Staunen, Faszination und einem Hauch Ekel in ihren Gesichtern. Es ist bei meiner Freundin Anja angelangt. “Haha, guck mal, das sieht ja witzig aus. Hier, willst du auch mal halten?” Sie hält es mir unter die Nase.

Das Ding ist so groß wie meine Müslischlüssel. “Ne!” sage ich entschieden und es wird über mich drüber – mir scheint in Zeitlupen-Tempo – zum nächsten Verrückten gereicht. Ich bin wohl die Einzige, die diese Spinnenhaut nicht so locker-flockig entgegen nehmen kann.

Sebastian erklärt, dass die Konfrontation mit Spinnen elementar ist, um die Angst vor ihnen zu überwinden. Mit wiederholter Konfrontation, bei der der Patient vom Therapeuten begleitet wird, steigert sich dann die Dauer und die Schwierigkeit (ergo, von Spinnenhaut zu echter Spinne) – mit großartigem Erfolg. So großartig, dass viele ehemalige Spinnenphobiker diese kleinen Biester später als Haustiere halten.

Das Referat ist zu Ende und meine Kommilitonen verlassen den Seminarraum. “Die einzige wirkliche Freiheit… Irgendwo muss ich ja anfangen”, denke ich mir. Die Spinnenhaut liegt nun auf einem Tisch und Sebastian ist gerade im Begriff sie wegzuräumen. Mit Anja bleibe ich vor ihr stehen. “Mir sind Spinnen ja nicht so geheuer – darf ich an der hier einmal was ausprobieren?” – “Ja klar!”

Anja steht mir geduldig bei. Ich strecke meine Hand aus. Tief durchatmen. Die einzige wirkliche Freiheit, ist die Freiheit von Angst. Und dann… berühre ich eines der acht haarigen Beine. Das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Spinne(nhaut) angefasst habe!

LEKTION 1: In mir steckt mehr Mut als ich dachte!

Der Berg ruft

Inspiriert und ermutigt von diesem ersten tollkühnen Schritt machte ich Mut im Jahr 2013 immer mehr zu meiner Priorität.

Jenes Jahr endete sogar mit einem – zugegeben recht wahnwitzigen – Mut-Rendevouz auf Sizilien, auf der Spitze des 600m hohen “Berges”, der sich direkt zu linken Hand von Palermo über das weite Meer erhebt. Ein wundervoller Ausblick erstreckte sich von der Aussichtsplattform. Ich ging am Geländer spazieren, schoss Fotos mit meinem Handy… Und entdeckte eine verfallene Treppe, die auf das ungesicherte hügelige Gelände Richtung Abgrund führte. Verstohlen blickte ich mich um. Kein Aufseher zu sehen. Und so huschte ich die Treppe hinunter und bahnte mir mit weichen Knien den Weg zwischen Sträuchern, Gras und Felsen zum Rand.

Zwei kleine Felsen lugten neben einem dünnen Baum aus dem braunen Erdboden. Sehr vorsichtig, mit gebührendem Abstand, nähere ich mich dem Abgrund und luke über die Felschen drüber. Tatsächlich – dahinter geht es 600 Meter steil in die Tiefe. Ich sehe kurz ein paar winzige Autos die Straße entlang fahren und die Meeresbrandung ans Ufer schlagen, bevor ich hastig und mit einigem Herzklopfen zurückweiche…

Huiuiui… Da ist sie, meine Höhenangst. Diesmal sogar alles andere als unberechtigt. Ok. Freiheit und so. Langsam setze ich mich auf den Erdboden und trete vorsichtig gegen die Felsen. Sie scheinen fest verankert zu sein. Also rutsche ich sehr bedächtig näher, schwinge meine Beine rüber und… starre in die Tiefe.

Mein Herz klopft wie verrückt und meine Knie zittern, während ich den fernen Wellen zusehe, wie sie stetig ans Ufer rauschen. “Die Angst geht runter! Ich habe das gelernt. Die Angst geht runter!” spreche ich mir selbst Mut zu. Aus dem Studium wusste ich, dass die Angst am Anfang, wenn wir uns ihr stellen, sehr hoch ist. Sie nimmt jedoch schon nach kurzer Zeit etwas ab und nach 10 bis 20 Minuten ist sie merklich zurückgegangen. Also entschied ich mich, so lange sitzen zu bleiben und nach unten zu starren, bis meine Angst nicht mehr fühlbar ist.

Nach ca. 25 Minuten, in denen sich mein Herzschlag mehr und mehr beruhigte, meine Füße nett baumelten und ich diesen einmaligen Ausblick und meinen Mut genoss, rutschte ich langsam wieder zurück und machte mich auf den Rückweg. Ich habe seither keine Höhenangst mehr. Auf einem Balkon im dritten Stock zu stehen ist überhaupt kein Problem. Am Ziplining-Seil über eine Schlucht zu fliegen beschleunigt nicht mal meinen Herzschlag (was tatsächlich etwas schade ist).

LEKTION 2: Die Angst geht runter – und ist vielleicht sogar für immer weg.

Ein Schmetterling genehmigt das Mut-Konzert

Durch mein selbstverordnetes Mut-Training spürte ich bald, dass ich generell mutiger wurde, so als würde ich meinen zugrundeliegenden “Mut-Muskel” trainieren. Ich konnte freier meine Meinung sagen, mich authentischer zeigen, wie ich bin. Mit der Unterstützung eines Freundes meditierte ich zum Beispiel zum ersten Mal in der Öffentlichkeit eines Café-Gartens – nur um diese “Das kann ich doch nicht machen, das ist doch peinlich”-Haltung anzugehen.

Eine ähnlich verrückte Idee machte sich während einer Meditation im Sauerland in mir breit: Ich könnte mich mit der Gitarre in die Innenstadt setzen und singen! Neben mir ein Schild: “Gefällt dir? Kein Geld bitte! Tue stattdessen jemand anderem etwas Gutes!” Ich sah es sehr bildlich vor mir, den genauen Ort, das Plakat, ich übte sogar die Gitarrengriffe. Sobald der Schluss-Gong ertönte, sprang ich auf und setzte mich in die warme Septembersonne, um alle meine Ideen festzuhalten.

Und gerade als ich mich fragte: “Werde ich das auch wirklich machen?”, da setzte sich ein wunderschöner Schmetterling direkt auf mein Knie.

Ok – das war magisch! Jetzt musste ich es tun.

Und so kam es, dass ich ca. einen Monat später eine alte Badematte in der Essener Innenstadt ausbreitete, mich setzte und mit zitternden Händen meine Gitarre in die Hand nahm. Das Schild hatte ich in Deutsch und Englisch neben mir aufgestellt (auf Englisch klang es noch besser: “Like it? No money please – Commit a Random Act of Kindness instead!”).

Puh… Ich kannte die Lieder, die Griffe und wusste, dass meine Stimme zumindest keinen Hörsturz verursachte. Aber in der Innenstadt, vor lauter fremden Menschen, auf dem Boden sitzend Gitarre zu spielen, das war ne ganz schöne Nummer. Mit enormem Herzklopfen legte ich meine Finger an die Saiten und holte ein paar Mal tief Luft.

Es war eine meiner schönsten Mutproben. Ich lernte, dass nichts Schlimmes passiert, wenn ich mich verspiele oder eine Strophe vergesse. Dass ein paar höhnische Blicke mich nicht umbringen. Und dass Inspiration ankommt, wenn man sie streut. Ein süßes Pärchen, das mir etwas länger zuhörte, fotografierte das Schild und hielt mir lächelnd eine Tüte hin: “Du möchtest ja nichts… Aber dürfen wir dir einen Churro anbieten?” Ich lernte, dass ich meine “Talente” einsetzen kann, um Botschaften zu verbreiten, die mir wichtig sind und die die Welt ein bisschen glücklicher machen. Noch tagelang blieb ein Gefühl von übersprudelnder Energie und “Ich kann alles schaffen” zurück.

LEKTION 3: Mut ist wie ein Muskel, den ich trainieren kann – und ich brauche keine Angst davor zu haben, etwas “peinliches” oder unkonventionelles zu tun, solange ich es von Herzen tue.

Warum Mut

Für so viele Entscheidungen brauchen wir Mut. Du kennst es vielleicht: Mit einem neuen Hobby, einer neuen Gewohnheit oder einem neuen Ziel kann unser Umfeld zunächst überfordert sein. Vielleicht trifft das auch auf einen deiner aktuellen Vorsätze zu.

Mit einem etwas geübten Mutmuskel hältst du die Anfangsphase einer solchen Veränderung stabiler durch. Du schenkst dir die Freiheit mehr und mehr das tun, was sich in deinem Herzen wirklich gut anfühlt.

Wie kannst du nun aber deinen Mut stärken? Die schönste (und leichteste) Übung ist die, wenn du es mir gleichtust:

Was ist deine Lieblings-Mut-Erinnerung? Feier deinen Mut und teile die Erinnerung in einem Kommentar und mit deinen Lieben.

Einen mutig-gewagten leichtfüßig-belebten Start ins neue Jahr wünscht dir

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2 Comments on “3 kleine Mut-Geschichten: Wie ich lernte meinen Ängsten zu begegnen”

  1. In der 11.Klasse waren zwei Mädchen mit Migrationshintergrund neu dazu gekommen. Als die beiden ein Referat hielten, stoppte der Lehrer mittendrin und sagte, sie hätten ihr am Gymnasium nichts verloren, weil sie kein richtiges Deutsch könnten.
    Da regte sich in mir Widerstand. Ich fand es so unfair und verletzend, das ich allen meinen Mut zusammen nahm und dem Lehrer meine Meinung sagte.
    Ich hatte schon immer das Gefühl für andere einstehen und meine Meinung sagen zu können, aber noch nie fühlte ich mich so allein dabei. Alle anderen Klassenkameraden waren ins Schweigen verfallen und dachten wohl der Lehrer hätte das Recht dazu, so etwas zu sagen. Aber welche Lehrmethode sieht es vor seine Schüler*innen zu demütigen???
    Ich drehte den Spieß also um und bekam dafür im nächsten Zeugnis eine Note schlechter. Sei es drum, der Lehrer ging im Jahr drauf zum Glück endlich in Rente!

    1. Koray,
      Eine wirklich tolle Mut-Geschichte, ich lese dein Herz & deine entschiedene Energie heraus, denen du trotz persönlichem Risiko Ausdruck verliehen hast! Ich kann mir vorstellen, dass du damit den beiden Mädchen viel Angst genommen, aber auch deine Klassenkameraden inspiriert hast. Mir gibst du damit richtig Mut & Kraft dafür, für andere Menschen einzustehen und auf der Basis unserer Verbundenheit zu handeln, nicht wegzuschauen.
      Vielen herzlichen Dank, dass du deinen Mut mit uns geteilt hast! <3

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