Bewegung als Selbstfürsorge: warum dein Körper der einfachste Zugang zu mehr Energie ist

Halb sieben abends. Die Mails sind raus, die Küche ist noch nicht gemacht, und irgendwann zwischendurch ist dir aufgefallen, dass du seit Stunden nur noch funktionierst.
Du weißt, dass du jetzt etwas Gutes für dich tun könntest. Und dann kommt die Stelle, an der es jedes Mal hakt.

Was denn?

Wer leer ist, weiß nicht, was ihm fehlt

In der Selbstfürsorge steckt eine Zumutung, über die selten jemand spricht. Sie setzt voraus, dass du weißt, was dir gerade wirk-lich gut tut.
Genau das ist aber das Erste, was leiser wird, wenn du lange im Funktioniermodus warst.

Wann hast du dich zuletzt gefragt, was du möchtest, und sofort eine Antwort bekommen? Wann hast du Hunger gespürt, bevor der Magen geknurrt hat? Wann hast du gemerkt, dass du müde bist, bevor du am Ende bist?

Das ist keine Schwäche. Das ist klug.

Dein System hat gelernt, das Spüren leiser zu drehen, damit du deinen Tag schaffst. Es meint es gut mit dir. Nur sitzt du dann am Abend da, fragst dich, was du brauchst, und hörst ehrlich nichts.

Und dann kommt der Teil, den ich am unfairsten finde: Wir halten das auch noch für ein persönliches Versagen. Wir nehmen uns vor, endlich besser auf uns zu hören, und scheitern an einer Aufgabe, die gerade gar nicht lösbar ist. Kein Wunder, dass Selbstfürsorge sich dann wie noch ein Punkt auf der Liste anfühlt.

Über diese Schwierigkeit habe ich schon einmal geschrieben, damals unter der Überschrift Spüren, was dir gut tut. Heute möchte ich dir zeigen, wie du sie umgehen kannst.
Nicht, indem du besser spürst. Sondern indem du etwas tust, das gar kein Spüren voraussetzt.

Stell dir ein Fenster vor

Ein Raum, in dem den ganzen Tag jemand gearbeitet hat. Die Luft wird stickig, ganz langsam, und du merkst es nicht, weil du mittendrin sitzt.
Du musst diese Luft nicht analysieren.
Du musst nicht wissen, ob es an der Heizung liegt, an den Menschen oder einfach an den vielen Stunden.

Du machst das Fenster auf, und der Rest passiert von allein. Und wenn es dir zu kalt wird, machst du es wieder zu. Niemand verlangt von dir, dass du vorher weißt, wie viel frische Luft dieser Raum jetzt braucht.

Bewegung ist dieses Fenster. Sie ist der Zugang zu dir, der schon funktioniert, bevor du weißt, was los ist. Du musst nichts verstanden haben, um einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Das ist der ganze Trick, und er ist fast schon unverschämt einfach: Alles andere, was wir Selbstfürsorge nennen, will vorher wissen, was du brauchst. Ein Bad, ein Nein, eine Pause, ein Gespräch. Bewegung will nur, dass du aufstehst. Und die Frage, was dir gut tut, musst du dafür gar nicht beantwortet haben.

Ein kurzer Ausflug in die Forschung, versprochen

Ich schaue bei so etwas gern nach, ob das, was sich stimmig anfühlt, auch messbar etwas hergibt. Bei Bewegung tut es das:

Ehrlich dazugesagt: eindeutig ist das alles nicht. In einer großen Auswertung blieb vom Energie-Effekt wenig übrig, sobald man streng dagegen hielt, dass schon das Gefühl, etwas zu tun, wirkt. Und die Forscher der Alltagsstudien schreiben selbst, dass ihre Ergebnisse uneinheitlich sind.

Ich erzähle es dir trotzdem. Weil die Richtung stimmt, und weil du sie an einem einzigen Nachmittag selbst überprüfen kannst, ohne irgendjemandem zu glauben. Auch mir nicht 🙂

So, genug Wissenschaft. Jetzt wieder du.

Und nein, es geht hier nicht um Sport

Sport war noch nie meins. Warum, habe ich in meinem Text über mehr Lebendigkeit einmal ausführlich beschrieben, und daran hat sich nichts geändert. Kurz gesagt: Er klingt nach Arbeit, und davon haben wir alle tagsüber genug.

Klettern, Schwimmen im See und Tanzen gehören zu meinen Lieblingsdingen. Nichts davon hat je einen Plan gebraucht, und keins davon wird besser, wenn ich es messe!

Und denk noch einmal an den Punkt von eben: Sobald es deutlich anstrengender wird, wird es für fast alle unangenehm. Das ist also keine Frage deines Charakters. Dein Körper sagt dir seit Jahren die Wahrheit, wir haben nur gelernt, sie für Faulheit zu halten.

Es geht um Bewegung, in jeder Form, die dir Freude macht, und in deinem Tempo.

Zwei Minuten, jetzt gleich

Wenn du magst, probier es aus, während du das hier liest.

Steh auf. Geh zum nächsten Fenster und mach es auf.
Streck dich einmal so, wie du dich morgens streckst, wenn dich niemand sieht.
Vielleicht eine leichte Dehnung in die eine, dann in die andere Richtung?
Probiere ein paar Dehnungen aus, bis sich eine so richtig gut anfühlt. Yes.
Dann schüttel deine Hände aus, dann die Arme, die Schultern.
Und dann geh zwanzig Schritte. Zum Wasserglas, zur Tür, im Kreis.
Ganz egal wohin.

Ist dein Kopf danach klarer? Wunderbar! Ist er genauso wie vorher? Absolut fein.

Das war ja keine Prüfung. Du hast das Fenster aufgemacht, herzlichen Glückwunsch!

Wenn du nicht weißt, wo du anfangen sollst

Dann fang bei dem an, was ohnehin passiert. Du brauchst dafür keinen freien Nachmittag und keinen guten Vorsatz, sondern nur einen Moment, den du sowieso hast, und die Erlaubnis, ihn ein bisschen länger zu machen.
Aus einem Weg wird ein Spaziergang.
Aus einem Warten wird ein Strecken.

  • Ein Lied, das dich in der Küche erwischt 🙂
  • Der Weg zum Bäcker, langsam gegangen statt mit dem Auto vorgefahren.
  • Barfuß über den Rasen, auch wenn er nass ist. Vielleicht gerade dann.
  • Auf dem Mäuerchen balancieren, wie früher.
  • Und an den Tagen, an denen wirklich nichts geht: einmal aufstehen und dich einmal strecken. Das ist keine kleine Version von Bewegung. Das ist Bewegung!

Was davon in deine Woche passt, weißt nur du. Wenn dir das Anfangen leichter fällt, sobald dir jemand einen Vorschlag macht, gibt es dafür auch Apps wie huuman, die sich an deinen Tag anpassen. Ein Anstoß von außen, mehr nicht. Was dir davon gut tut, merkst weiterhin du.

Für die ganz schwierigen Tage

Für Tage, an denen so gar nichts zu gehen scheint und du weder gedanklich abschalten, noch dich körperlich aufraffen kannst, kommt hier mein Geheimtipp:
Du kannst auch auf der Couch beginnen, dich zu bewegen.
Hier ein kleiner Strecker.
Da ein Kreisen vom Fußgelenk.

Oft ist Bewegung genau das, was unserem ganzen System endlich die Ruhe bringt, die es braucht.
Denn während wir den ganzen Tag vor Bildschirmen sitzen, lernt unser Körper irgendwann:
„Bewegung gibt es nicht.“ – Und friert sie ein.

Unser Nervensystem ist jedoch auf viel (!) Bewegung ausgelegt. Seit Jahrtausenden.
Das heißt es produziert weiterhin Bewegungsimpulse, die wir von kleinauf gelernt haben zu unterdrücken.
Dürfen ein paar dieser Bewegungsimpulse endlich fließen, landen wir wieder mehr im Körper.
Unser System kann Anspannung ganz natürlich abbauen.
Und dadurch erhalten wir wieder Zugang zu uns selbst.

Mehr braucht es nicht

Du musst nicht wissen, was dir fehlt, um dir etwas Gutes zu tun.
Du darfst aufstehen, ohne einen Grund dafür zu haben. Du darfst dich bewegen, ohne ein Ziel dabei zu haben. Und du darfst wieder aufhören, wann immer du magst.

Dein Körper wartet nicht auf deine gute Idee. Er wartet auf ein offenes Fenster.

Mögest du heute eines aufmachen.
Und mögest du merken, wie wenig es dafür braucht.

Alles Liebe,

Deine

Glücklich sein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert