Was ist das Ego? Eine körperpsychologische Sicht

Dieser Artikel entstand auf eine Leser-Frage hin: „Was ist das Ego?“ Lieben Dank dafür, Steffi! 🙂

Wie wäre es, vollkommen ohne Anspannung zu sein?
Aufrecht, beweglich, anmutig – und dennoch vollkommen gelockert, weich, ent-spannt?
Geht das überhaupt? Und wenn ja… Wie bitte kommt man dahin?

Ego-Sichten

„Das Ego“ taucht in vielen psychologischen, wie auch spirituellen Kontexten auf:

  • Das Ego als armes „Sandwich-Kind“ zwischen Über-Ich und Unterbewusstsein
  • Das Ego, das es zu überwinden gilt
  • Das Ego als Selbstbezogenheit (ego-istisch) und Getrennt-sein
  • Das Ego als sehr limitierte Identifikation mit seinen Gedanken und Gefühlen
  • Das Ego als stärkenswürdige Instanz für mehr Selbstbewusstsein
  • Das Ego als aufgeblasenes Prollogehabe
  • Das Ego, das uns daran hindert, die Realität so zu sehen wie sie ist

Ich möchte an dieser Stelle nicht darüber schreiben, für wie „richtig“ ich diese oder jene Aussage halte. Fakt ist (und dieses Empfinden teile ich mit Steffi, deren Frage Anlass für diesen Artikel gab): Das ist alles mehr oder weniger vage, unkonkret, teilweise widersprüchlich – und in diesem Sinne hat es mir nicht wirklich weitergeholfen.

Das Ego ist (auf)spürbar

Mit einem unglaublich spannenden und gleichzeitig einleuchtend-konkreten Erleben davon, was „Ego“ sein kann, durfte ich auf einer Meditationszeit im Sommer in Kontakt kommen. Hast du schon einmal einem schwierigen Gefühl im Körper nachgespürt? Genau das haben wir da gemacht. Manchmal waren auch Glaubenssätze damit verknüpft. Was solche schwierigen Gefühle und auch Glaubenssätze immer ausmachen, ist Anspannung.

Wann entsteht Anspannung? Anspannung entsteht

  • aus Angst und Druck (z.B. in Form von Glaubenssätzen wie „Ich darf nicht versagen“)
  • aus Ablehnung (z.B. in Form von Selbstabwertung („Ich bin nicht gut genung“), Ärger, einem inneren „Nein“ zum gegenwärtigen Moment, oder der Verurteilung anderer)
  • und aus „Haben-Wollen“ (z.B. in Form von Süßigkeiten-Sucht oder innerem Getrieben-Sein)

Nach diesem Ansatz ist das Ego nichts abgehobenes, diffuses oder kognitives. Es hat auf der gedanklichen Ebene natürlich seine Entsprechung. Wir erleben es in Sorgen-; und Grübelschleifen, in Selbstabwertung wie in unermüdlichen Plänen und ToDos und einer fixen und sehr engen Vorstellung davon, wer wir sind.

Doch es ist viel grundlegender gespeichert: Ego ist Anspannung. Anspannung, die ganz konkret im Körper sitzt und die wir da fühlen können.

Und das Schöne an diesem Ansatz ist:

Er gibt vielen der oben genannten Aussagen plötzlich eine Grundlage. Anspannung hindert mich daran, mit der Realität so in Kontakt zu sein, wie sie ist.
Anspannung wird nicht nur von Prollogehabe ausgelöst, sondern kann auch dahinter vermutet werden.
Anspannung wird manchmal verwechselt mit einer selbstbewussten, aufrechten Körperhaltung, wenn ich sie dazu nutze, mich (angespannt) aufzurichten.
Anspannung bringt immer Einschränkung und Limitierung mit sich – auch in Bezug auf das, wer ich glaube zu sein. Bin ich das Gefühl, der Gedanke, der Glaubenssatz?
Anspannung trennt und ein Gefühl von Trennung erzeugt Anspannung.
Anspannung als Resultat von gegenläufigen Instanzen ist auch im armen Sandwich-Kind zu vermuten.
Und Anspannung zu überwinden klingt rein körperlich bereits durchaus erstrebenswert 🙂

Wann immer wir Anspannung spüren, ist auch das Ego involviert.

Womit du das Ego nie verwechseln solltest

Manchmal wird das Ego mit unserer Persönlichkeit verwechselt, mit unserem Schatz an Qualitäten, Fähigkeiten, Stärken, Interessen, Visionen und unserem einzigartigen Blick, die Welt zu betrachten und in ihr zu handeln.

Und das meint es NICHT!

Wann warst du das letzte Mal so richtig in deinem Potential?
Was war dein letzter kleiner (oder großer) großartiger Moment? Ob du mit Grazie den Streit deiner Kinder geschlichtet, mit Begeisterung dein Herzensprojekt vorgestellt oder mit ganzem Herzen dein Hobby gelebt hast, spielt keine Rolle.

Wieviel Anspannung war in diesem Moment da? … 🙂

Unseren Schatz können wir am allerbesten in voller Entspanntheit einsetzen – ohne uns etwas auf ihn einzubilden oder unseren Selbstwert an ihn zu knüpfen. Das Ego ist also vielmehr das, was uns davon abhält, diesen inneren Schatz voll zu leben. Ob als limitierender Glaubenssatz, als Ablehnung oder als „Haben-Wollen“: Das Ego ist es, das blockiert.

Das Ego in meinen Kreativblockaden

Das Schreiben meines Buches ist zu einer unglaublich spannenden, aber auch herausfordernden Reise geworden, die mich tatsächlich nicht nur noch tiefer mit dem Thema verbindet, sondern die mich vor allem auch mehr zu mir selbst führt.

Einige verzweifelte Momente sind aufgetaucht, als ich auf hartnäckige Kreativblockaden stieß, aus denen ich keinen Ausweg wusste. Die größte Blockade begleitete mich zwei ganze Wochen, was mich mit Blick auf das Abgabedatum furchtbar unter Druck setzte – und die Anspannung im Körper deutlicher und deutlicher hervortreten ließ.

Und irgendwann wandte ich mich dieser Anspannung zu. Sehr viele berührende, festgefahrene, erleichternde und ent-spannende Entdeckungen warteten da auf mich.

All die Anspannung hatte meinen Krativfluss in einem viel wörtlicheren Sinne blockiert, als bisher angenommen. Und mit dem Auflösen der Blockaden… kam mein Kreativfluss plötzlich wieder in Schwung. Kurz darauf schrieb ich in einer Woche nahezu genauso viel, wie in den gesamten Wochen davor.

 

Anspannung lösen

Da ich diesen Weg, mit dem mich Meditationszeiten und Kreativblockaden beschenkt haben, gerade selbst noch ganz neugierig und frisch entdecke, möchte ich dir zum Abschluss andere bewährte Wege vorstellen:

Im Achtsamkeitsbasierten MBSR-Kurs, der von der Krankenkasse bezuschusst wird, im Verlauf von Psychotherapien, durch Chiropraktor-Behandlungen und durch Chi Gong und verwandte Körperübungen wurde bereits wissenschaftlich nachgewiesen, dass körperliche Anspannungen abnehmen.
Ganz besonders spannend ist in diesem Zusammenhang die Körperpsychotherapie, in der Symptome immer mit ihrer körperlichen Entsprechung in Zusammenhang gebracht und auch mit Hilfe des Körpers aufgelöst werden.

Ich bin mir sicher, es gibt noch viele weitere spannende Wege, und ich hoffe sehr, sie zu entdecken!

All diese Wege machen uns zu etwas freieren Menschen. Etwas freier von Angst und Druck, etwas freier von Ablehnung und etwas freier von notorischem „Haben-Wollen“.

All diese Wege helfen uns aufrechter, gelöster, entspannter und würdevoller unser Leben zu leben. Mit weniger und weniger Ego – und dafür mehr und mehr Energie und Fluss 🙂

 

Was mich riesig interessiert:
Welche Wege kennst oder nutzt du, um Anspannung aufzulösen?

 

Alles Liebe & eine ent-spannte und gelöste Zeit wünscht dir,

Glücklich sein

 

P.S.: Es gibt einen unglaublichen Reichtum an wunderbaren Erklärungen zum Thema Ego. Ich strebe in diesem Artikel nicht an, ein vollständiges Abbild davon zu geben, was Ego ist, sondern teile einen für mich hilfreichen und ganz konkreten Anhaltspunkt.

8 Comments on “Was ist das Ego? Eine körperpsychologische Sicht”

  1. Liebe Nathalie,
    das ist eine hochinteressante Sichtweise: Ego ist Anspannung. So habe ich es noch nicht betrachtet. Ich finde nichts in meinen Gedanken, das dem entgegenspricht, und das freut mich. Eine Erweiterung meines Denkens. Danke!

    Wie löse ich Anspannung auf? Für mich ist eine Phase der Ruhe sehr wichtig. Mit Ruhe meine ich Zeit für mich. Ich meditiere oder fahre Rad oder gehe in die Natur joggen. Dabei spielt Musik eine wesentliche Rolle, außer beim Meditieren, da höre ich nur mich 😉
    Musik ist für mich emotionale Erinnerung, die direkt ins Innere geht und deshalb gut Anspannungen auflösen kann.

    Liebe Grüße
    Tom

    1. Lieber Tom,
      das freut mich, dass du deinen Blick erweitern konntest.
      Vor allem deine Erfahrung von Musik als lösend und direkt finde ich super schön umschrieben und spannend – da hast du meine Sichtweise nun gerade erweitert 🙂
      Viele liebe Grüße,
      Nathalie

  2. Danke für den frischen Beitrag, Nathalie
    Anspannung kenne ich auch gut gerade wenn ich etwas neues angehe oder ich gerne möchte das etwas besonders gut gelingt
    Um Anspannung bewusst zu begegnen mache ich gerne YinYoga da fällt zum einen die Anspannung schnell ab und was ich daran auch sehr schätze ist ich kann hinschauen/ fühlen was dahinter steckt und so manch überraschende Entdeckung machen

    1. Liebe Gabriele,
      ein ganz spannender Hinweis von dir zum Yin Yoga – hab vielen Dank dafür 🙂
      Es gibt so viele wunderbare Wege da draußen!
      Einen guten Tag dir,
      Nathalie

  3. Liebe Nathalie,

    Danke für diesen interessanten Artikel und die Ideen. Ich nutze ganz viel die Atmung, um Anspannung zu lösen. Z.B. atme ich 6 Mal tief ein und wieder aus. Das löst schon mal eine Menge Anspannung. Und davon steckt auch in meinem Körper eine Menge.

    Ich möchte gerne eine Lanze für die Anspannung brechen. Anspannung ist nicht nur etwas, was uns blockiert sondern auch etwas, was vorwärtskommen überhaupt erst ermöglicht. Also die Muskeln benötigen unbedingt Anspannung. Ohne die Anspannung könnten wir uns Null bewegen. Noch weiter gesprochen kann man sagen, dass unser Körper vom gegenseitigen Spiel von Anspannung und Entspannung lebt. Das eine kann nicht ohne das andere. Biologisch kann man auch von Sympathikus und Parasympathikus sprechen. Diese beiden System sind für Anspannung und Entspannung in unserem Körper verantwortlich. Das Problem ist das Übermaß an Anspannung in unserem Körper. Was sich dann als Verspannungen kristallisiert und nicht mehr von selber gehen mag..

    Danke für diesen wundervollen Artikel und viel Erfolg mit deinem Buch.

    liebe Grüße
    Sandro

    1. Hallo lieber Sandro,

      danke für diese hilfreiche und schöne Ergänzung!
      Klar, Entspannung in diesem Kontext heißt nicht wie ein nasses Teebeutelchen am Tassenrand zu hängen! Das ist wirklich sehr wichtig.
      Deine Hinweise auf die vielfältigen Homöostase Prozesse in unserem Körper und vor allem dein Wording („Verspannung“ vs. „Anspannung“) finde ich sehr hilfreich.
      Meine eigene Erfahrung und Anker ist, dass ich positive und hilfreiche Anspannung nicht als unangenehm, blockierend oder trennend erlebe, während Verspannung diese Qualitäten direkt mit sich bringt.

      Viele liebe Grüße,
      Nathalie

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